Artikel: Sächsische Zeitung Online

Brücken schlagen

Der Integrationskoordinator stellt seine Arbeit mit Flüchtlingen im Gemeinderat Klingenberg vor. Nicht ohne Diskussion.

Von Anja Ehrhartsmann

In dem Plattenbau an der Salzstraße können 286 Asylsuchende in der größten Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises untergebracht werden. Etwa 170 Geflüchtete aus 20 Nationen leben derzeit in der Unterkunft.
In dem Plattenbau an der Salzstraße können 286 Asylsuchende in der größten Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises untergebracht werden. Etwa 170 Geflüchtete aus 20 Nationen leben derzeit in der Unterkunft.
© Egbert Kamprath

Klingenberg. Der Landkreis hat zum Jahresbeginn die ersten kommunalen Integrations-koordinatoren eingestellt. In der Gemeinde Klingenberg, wo die größte Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises für Asylbewerber steht, hat Ralf Schöne den Posten übernommen. Dem Gemeinderat in Klingenberg hat er seine Arbeit auf der Sitzung am Dienstagabend vorgestellt – was für Diskussionsstoff sorgte.

Schöne, der bereits im vergangenen Jahr in Klingenberg Ansprechpartner in Asylfragen war, ist jetzt als Integrationskoordinator angestellt im Landratsamt und zudem aktiv im Netzwerk Asyl Klingenberg, das sich 2015 gegründet hat. „Die Aufgaben sind komplex“, erklärte Schöne. Er berate sich viel mit kommunalen Ämtern, kooperiere mit sozialen Trägern und fördere Begegnungen zwischen den Geflüchteten und Einheimischen. Außerdem unterstütze er auch die Ehrenamtlichen bei ihrer Arbeit. „Ich bin Ansprechpartner für Bürger und Migranten“, betonte Schöne.

Das Netzwerk Asyl als Ehrenamtsinitiative habe es sich unter anderem zum Ziel gemacht, ein gutes und friedliches Miteinander zu gestalten. „Wir möchten geflüchtete Menschen dabei unterstützen, in unserer Gemeinde anzukommen. Mit unserer Arbeit wollen wir eine Brücke schlagen zwischen neuen und alteingesessenen Klingenbergern.“ Erreicht werden soll dies etwa über neue Projekte, die das Netzwerk angehen möchte, wie etwa einen Spiele- und Begegnungsabend, der bereits wöchentlich im Pfarrhaus in Pretzschendorf stattfindet. Geplant ist außerdem ein Infoabend zum Thema „Flucht“ und ein Leseabend, der sich mit Fluchtursachen beschäftigt. Außerdem bietet das Netzwerk ein Sportprogramm in Klingenberg an und unterstützt die Geflüchteten im Alltag. Er hoffe auf die Unterstützung der Gemeinderatsmitglieder, sagte Schöne. „Wir brauchen Leute, die dort helfen“, bekräftigte Bürgermeister Torsten Schreckenbach (BfK) im Hinblick auf die Gemeinschaftsunterkunft. „Alle sind gefragt, ich bin froh, dass wir das Netzwerk haben.“

Es entspann sich daraufhin eine lebhaft geführte Diskussion darüber, wie groß die Integrationsbereitschaft der Bewohner ist, ob eine berufliche Integration überhaupt möglich sei und wer für die Sicherheit an Penny-Markt, Bahnhof und Schule sorgen muss. Dass es in diesen Bereichen Sicherheitsbedenken gibt, sei ihm bekannt, sagte Schöne. Nach Gesprächen mit Kommune und Landkreis wurde ein Sicherheitskonzept mit Nothilfeplan erarbeitet. „Es gibt Vereinbarungen mit den eingebundenen Sicherheitsunternehmen, wie wir im Notfall eingreifen können.“ Allerdings hat die Gemeinde selbst nur einen begrenzten Handlungsspielraum, ergänzte Schreckenbach.

Wolfgang Richter (BfK) sprach sich dafür aus, Einkaufszeiten für die Bewohner einzuführen und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich etwa die Verkäuferin im Supermarkt sicher fühlen könne. „Wir können nicht an den Gesetzen vorbei agieren“, entgegnete Schöne. „Der Penny ist privates Unternehmen und muss für die Sicherheit seiner Angestellten sorgen.“ Er bestreite gar nicht, dass mehr passiert, seit es die Gemeinschaftsunterkunft gibt, erklärte Schreckenbach. „Deshalb versuchen wir zu überlegen, was wir tun können. Wir können die Menschen dort nicht an die Leine nehmen.“

Was die Geflüchteten für Qualifikationen haben und welche beruflichen Perspektiven sich daraus ergeben, abhängig vom jeweiligen Aufenthaltsstatus, fragte Wolfgang Richter weiter. Der Großteil der Bewohner in der Unterkunft warte darauf, dass ihre gestellten Anträge bearbeitet werden oder sie wurden bereits abgelehnt, sind aber noch geduldet, erklärte Schöne. Ein paar wenige sind anerkannt, haben aber noch keinen eigenen Wohnraum gefunden. Beruflich gesehen haben die Menschen unterschiedliche Voraussetzungen – das unterscheide sich auch je nach Herkunftsland, denn oftmals seien die Berufsabschlüsse nicht mit denen in Deutschland vergleichbar. „Am Thema Arbeitsintegration bin ich dran.“ Ein Arbeitsvertrag kann auch geschlossen werden, wenn jemand geduldet wird. Allerdings muss der Arbeitgeber bei dem Status damit rechnen, dass derjenige abgeschoben werden kann. Wenn sich jemand in ein Ausbildungsverhältnis begibt, ist er währenddessen aber geschützt. Er sei für Ideen und Anregungen offen, bekräftigte Schöne.

Wolfgang Richter und Frank Reichelt (CDU) sehen hier das Landratsamt in der Pflicht. Tom Hänel (CDU) regte an, als Gemeinde zum Beispiel Empfehlungen in bestimmten Bereichen auszusprechen, etwa was Einkaufszeiten im Supermarkt betrifft oder die Belegung der Unterkunft durch den Landkreis: „Vielleicht sollten dort eben nur zehn Nationen und nicht 20 untergebracht werden.“

 

Originallink: http://www.sz-online.de/nachrichten/bruecken-schlagen-3660122.html